Sie befinden sich hier

20.11.2017 14:31

Therapie | Bedeutung von Forschungswissen in der Physiotherapie

Autor: Bernhard Reichert & Dr. rer. nat. Bernd Egger
Die Bedeutung von Forschungswissen im physiotherapeutischen Alltag untersuchte eine Online-Befragung deutschsprachiger Therapeuten. Die Teilnehmer informieren sich regelmäßig über Forschungswissen in elektronischen Medien. Jedoch setzt sich nur eine (studierte) Minderheit mit verschriftlichten Wissen auseinander.

In Deutschland werden die Bachelorstudiengänge mit folgenden physiotherapeutischen Inhalten innerhalb folgender Schwerpunkte, teils auch gemeinsam mit anderen Therapieberufen, durchgeführt [1]. Historisch betrachtet wurden die ersten Studiengänge kurz nach der Bologna Erklärung 1999 eingeführt [2]. Legt man die Anzahl der Physiotherapeuten in Deutschland mit ca. 189.000 zugrunde [4], entspricht der Anteil der physiotherapeutischen Studienabsolventen 2,75% [3].

Um hinsichtlich der Wandlung unseres Gesundheitssystems sowie den zukünftigen Herausforderungen an die therapeutischen Berufe eine wichtige Rolle einnehmen zu können, ist Wissenschaft wichtig [8]. Forschung erweitert die physiotherapeutische Wissengrundlage sowie die daraus resultierende Handlungskompetenz. Eines der Ziele evidenzbasierter Praxis ist das Reduzieren der Variabilität von Behandlungsansätzen. Insofern ist evidenzbasierte Praxis weltweit als der Schlüssel zur höchsten Qualität in der Gesundheitsversorgung anerkannt [9].

Das Angebot von Forschungswissen ist groß und vielfältig. Der Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen ist für Jedermann möglich. Allein die Übernahme von Forschungswissen in den täglichen Alltag stellt physiotherapeutische Leitungen und KollegInnen an der Therapiebank vor große Herausforderungen.

Mit einer transversalen Datenerhebung sollte eine Standpunktbestimmung skizziert werden, in dem die Kenntnisse von Evidence Based Medicine (EBM) von Mitgliedern der physiotherapeutischen Berufe zuverlässig aufgezeigt, die Verknüpfung von Forschungswissen in den täglichen therapeutischen Alltag beleuchtet und eine Einschätzung über die zukünftige Rolle von Forschungswissen abgegeben werden.

Methodik

Zur Durchführung der Online-Befragung deutschsprachiger Physiotherapeuten wurde ein Fragebogen konzipiert. Er umfasste 9 Itemgruppen mit insgesamt 35 Items. Der Link zu einem Onlineportal [10], dass den Fragebogen bereitstellte und die Datensammlung bewerkstelligte, wurde auf mehreren Facebook-Seiten gepostet, die von PhysiotherapeutInnen besucht werden, sowie an über 100 Emailadressen versandt. Am 28.02.2017 wurden der Fragebogen online gestellt, der Link auf einschlägigen Facebook-Seiten gepostet und per Email versendet. Nach ca. 14 Tagen konnte festgestellt werden, dass dieser Link nicht mehr aufgerufen wurde. Daher schloss die Befragung am 13.03.2017, nach 11 Tagen ab.

Probandencharakteristika

Die Web-Seite der Online-Befragung [10] wurde von 5597 Interessenten besucht. Von 626 Teilnehmern wurden 450 Rückläufe (72%) hinreichend komplett abgeschlossen. Es beteiligten sich 95% Physiotherapeuten (PT und weiterqualifizierte PT) und 5% Masseure. Männliche Therapeuten sind zu 52% vertreten. Im Durchschnitt sind die Probanden 36,57 (±11,31) Jahre alt und haben 13,23 (±10,83) Jahre Berufserfahrung.

Hinsichtlich des Ausbildungsgrades hatten

  • 261 Probanden die Berufsfachschulausbildung abgeschlossen
  • 123 Probanden ein abgeschlossenes Bachelorstudium
  • 54 Probanden ein abgeschlossenes Masterstudium
  • 4 Probanden promoviert oder habilitiert

Damit beträgt der Anteil der Probanden mit abgeschlossenem Studium 41%. 59% der Probanden sind angestellt, 33% sind selbständig und 8% betreiben beide Beschäftigungsformen. 84% arbeiten in einer ambulanten, 11% in einer stationären und 4% in beiden Formen einer therapeutischen Einrichtung.

Ergebnis der inhaltlichen Befragung

  • Kenntnisse über EBM: Durchschnittlich 79% der Befragten stimmten zu, den Begriff der EBM und dessen Bedeutung zu kennen. Sie stimmten auch der Zugehörigkeit der einzelnen Anteile nach Sackett [11] zu: klinischer Expertise (87%), patient values (58%) und research evidence (84%).
  •  Wichtigkeit von Forschungswissen: Insgesamt wird die Wichtigkeit von Forschungswissen mit durchschnittlich 92% sehr hoch eingeschätzt. Dies bezieht
    • Anwendungen in der täglichen Praxis (durchschnittlich 83%)
    • das berufs- und gesundheitspolitische Ansehen der therapeutischen Berufe (durchschnittlich 96%)
    • Die Qualität der Fort- und Weiterbildung (durchschnittl. 94%) nahezu gleichermaßen ein.
  • Zugewinn an Forschungswissen: Hinsichtlich der Frage über die Anzahl des monatlichen Kontaktes zu Forschungswissen (Frage 12) wurden folgende Ergebnisse ermittelt:
    • 46% der Befragten haben keinen regelmäßigen Kontakt zu Forschungswissen. Darunter waren 40% Physiotherapeuten, 73% Masseure und 71% weiterqualifizierte Masseure.
    • 20% der Bachelorstudenten haben ca. 5-10x und 50% der promovierten oder habilitierten Physiotherapeuten 10x monatlich Kontakt zu Forschungswissen.
  • Bedeutung von Forschungswissen: In der Auswertung der Angaben der Probanden gab es für die einzelnen Fragen dieses Blocks folgende Verteilung:
    • Wissen aus Forschung spielt für mich als Therapeut/in eine große Rolle: 77%
    • Wissen aus Forschung sollte in der Einrichtung, in der ich arbeite, eine größere Rolle spielen: 63% Hinsichtlich der persönlichen Bedeutung von Forschungswissen gibt es je nach Berufsangehörigkeit, Ausbildungsgrad und Beschäftigungsform auffällige Diversitäten:
Bedeutung von ForschungswissenNAusmaß der Zustimmung
Physiotherapeut35981%
Masseur2357%
Master und Physiotherapeut5765%
Berufsausbildung26170%
Bachelorstudium12388%
Master Studium5489%
Promotion oder Habilitation4100% 
  • Anwendung von Forschungswissen: In der Auswertung der Angaben der Probanden gab es für die einzelnen Fragen dieses Blocks folgende Verteilung:
    • In meiner täglichen Arbeit am Patienten findet Orientierung an Forschungswissen statt: 64%.
    • In meiner täglichen Arbeit am Patienten findet die strenge Anwendung von Forschungswissen statt: 19%
    • Zukunftsorientierung: Eine generelle hohe Bedeutung von Forschungswissen in verschiedenen Bereichen, die Therapeuten berühren (Forschung, Ausbildung oder Studium, Fort- und Weiterbildung, berufs- und gesundheitspolitischen Diskussion, tägliche Arbeit am Patienten), wird zukünftig gesehen (82%), wobei die Bedeutung für Lehre mit 89% am höchsten und in der täglichen Arbeit am niedrigsten (66%) angesiedelt wird. Prinzipiell steigt die Einschätzung der Bedeutung mit zunehmendem Ausbildungsgrad.
  • Beantwortung der primären Forschungsfrage: 70,5% der Befragten stimmten zu, dass Forschungswissen für sie eine große Rolle spielt (77%) und eine häufige Orientierung in der täglichen Arbeit ist (64%).

Diskussion und Schlussfolgerung

Der Kenntnisstand der Physiotherapeuten über den Begriff, die Bedeutung der EBM und die Wichtigkeit von Forschungswissen kann bei den Befragten mit 85% und 79% als sehr hoch bis hoch interpretiert werden und steigt mit einem Studium noch deutlich an.

Dennoch wird die Wichtigkeit von Forschungswissen mit durchschnittlich 92% insgesamt sehr hoch und für die tägliche Arbeit am Patienten relativ gering (83%) eingeschätzt.

Sowohl hinsichtlich der persönlichen Bedeutung von Forschungswissen als auch der Orientierung an Forschungswissen in der täglichen Arbeit spielt die berufliche Umgebung (Arbeit in einem ambulanten oder stationären Setting) keine Rolle (p=0,32 bzw. p=0,49).

Ausgenommen des Berufsstandes und Ausbildungsgrads haben die weiteren erhobenen soziodemografischen Daten wie Alter, Beschäftigungsform, Art der Pathologien der Patienten, Anzahl der Berufsjahre und Geschlecht nahezu (mit wenigen Ausnahmen) keinen Einfluss auf die Ergebnisse der Befragung.

Autoren

Erstautor Bernhard Reichert ist Physiotherapeut MSc. Kontaktadresse: Stiegel Str. 6, 71701, Schwieberdingen, E-Mail: b.reichert01@remove-this.gmx.de

Dr. rer. nat. Bernd Egger. Kontaktadresse: Lange Furche 4, 70736 Fellbach, E-Mail: BEgger@remove-this.web.de

Literatur und weitere Unterlagen

Dieser Artikel ist eine stark gekürzte Zusammenfassung der 16 seitigen Originalschrift. Diese sowie weitere Bestandteile dieser Arbeit (Fragebogen, statistische Methoden, detaillierte Ergebnisse, alle Rohdaten sowie deskriptive Statistik und Literaturverzeichnis) sind auf der Web-Seite des Erstautors frei downloadbar.

Kontextspalte