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Nachbericht für die Fachpresse

Süddeutsches Symposium des Verbands Physikalische Therapie (VPT)

Forschung stärkt die Physikalische Therapie

Stuttgart, 04.02.2015 (vptBB) – Zum zweiten Mal luden die VPT-Landesgruppen Baden-Württemberg und Bayern zum Süddeutschen VPT-Symposium nach Stuttgart. In Nachbarschaft zu den Fachmessen THERAPRO und MEDIZIN sowie weiteren Kongressen lockten klangvolle Namen rund um die Themen Wirbelsäule, chronischer Schmerz und Depression. So begrüßten die beiden Vorsitzenden Raymond Binder und Hans Ortmann am 31. Januar mehr als 320 Besucher ebenso wie den Bundesvorsitzenden Karl-Heinz Kellermann. Botschaft fast aller Vorträge: Eine immer bessere Studienlage untermauert die hohe Bedeutung und Qualität der Physikalischen Therapie, dies bei Krankheitsbildern mit hoher Prävalenz und massiven Folgekosten für die Versichertengemeinschaft.

Struktur zwischen Thorax und Becken

Als Einstieg zeigte Professor Andry Vleeming auf, wie paraspinale und tiefe Bauchmuskulatur verbunden sind. Chronologisch legte er dar, wie sich Fragestellungen und Testanordnungen seiner Forschung veränderten und zu welchen Schlüssen dies führte. Anhand eindrucksvollen Filmmaterials wurde deutlich, wie sich eine angespannte untere Bauchmuskulatur auf den Fasziencontainer auswirkt und wie jener wiederum mit dem Transversus abdominis verbunden ist. So bilde die fasziale Struktur nachgewiesenermaßen ein Band zwischen Thorax und Becken. Weiter wurde deutlich, dass die Stabilität der Wirbelsäule auf dem Spiel zwischen den paraspinalen und den tiefen abdominalen Muskeln beruht. Vleeming erläuterte aktuelle Studien, die sich verstärkt damit befassen, in welcher Weise Strukturen unter Druck durch Aufpumpen reagieren. Auch diese Spannungen, so ließ sich beim Vortrag als ein Fazit unter mehreren nachvollziehen,  sind mit dem Anschwellen des paraspinalen Containers verbunden.

Halswirbelsäule: Biomechanik, motorische Kontrolle und Stabilisation

Die drei folgenden Vorträge von Referenten der International Academy of Orthopedic Medicine (IAOM) befassten sich mit der Halswirbelsäule (HWS). Zunächst gab Bernhard Reichert einen Refresher in die ossäre und ligamentäre Anatomie sowie in die Biomechanik der oberen HWS. Der Physiotherapeut, Master of Science in Physiotherapy sowie Fachlehrer an der VPT Akademie lieferte erste Hinweise für die Diagnostik, beispielsweise bei der funktionell wichtigen Ligamenta alaria und ihrer Bedeutung für Hyperventilitäten. Ausführlich schilderte er bestehende valide Provokationstests – mit Betonung auf die Ausnahme zervikogener Schwindel – und den Sharp-Purser-Test mit seiner hohen Sensitivität.

Den Faden spann Anja Matthjis weiter, Physiotherapeutin und Master of Science in Physiotherapy. Stellvertretend für das Team um Ehemann Dr. Omer Matthjis stellte sie „Motor Control“, eine Studie zur motorischen Kontrolle der HWS vor. Sie ist in Kooperation mit dem Health Sciences Center der Texas Tech University entstanden. Die in Österreich praktizierende Therapeutin bemängelte noch fehlende valide zervikale Laxitätstest für das Bandscheibensegment. Auch apparative Röntgenaufnahmen würden nicht sichtbar machen, was die klinische Instabilität in der neutralen Zone vergrößert. Matthjis erläuterte die neuromuskuläre Kontrolle von „Motor Control“ mit ihren lokomotorischen und sensomotorischen Bestandteilen und was diese für die diagnostische Interpretation bedeuten. Sie beleuchtete mehrere Testverfahren wie den Pile-Test, den Ausdauertest von Olsen/Domenech et al sowie apparative Tests. Begleitend hob sie die Qualitätskriterien hervor, denen der Test selbst stand halten muss: zum Beispiel valide, von vertretbarer Dauer, verständlich und auch kostengünstig.

Andreas Lieschke, der dritte IAOM-Referent zum Thema, schilderte mit Filmbeispielen Übungen für die statische, dynamische und reaktive Stabilität der HWS. Der Physiotherapeut und Fachlehrer für Manuelle Therapie führte Matthjis’ Hinweis zum zerviko-okulären Reflex weiter aus. Er präsentierte neue somatosensorische Trainingsbeispiele für okulomotorische Aktivitäten, beispielsweise anhand einer Stirnlampe mit Laserpointer, mit der der Patient einen aufgemalten Parcours verfolgt. Ganz besonders betonte Lieschke, dass zuvor die Rumpfmuskulatur aktiviert werden müsse, was sofort sichtbare Effekte herstelle.

Depression und chronischer Schmerz

Nachmittags widmete sich der VPT vor allem dem Komplex psychische und chronische Erkrankungen. Professor Bruno Müller-Oerlinghausen, inzwischen emeritiert, führte philosophisch in die Funktionseinheit von Körper und Geist ein, um anschließend medizinisch die Wirkung von Massage zu untersuchen. Das Mitglied der Arzneimittelkommission beleuchtete die psychischen Effekte, die Frage nach dem Kontext der Berührung, sowie die allgemeinen psychischen Reaktionen, welche systematisch noch wenig untersucht worden sind. Eine große Rolle spiele hier die sensorische Hautafferenz, die nur auf sanfte, langsame Berührung antwortet. Weiter erklärte er, wie der Gesunde wie auch der psychisch Erkrankte auf Massage reagiert. Ein gewichtiger Gedanke dabei ist, dass der Tastsinn jener mit der am wenigsten entfremdenden Erfahrung darstelle.

Das träfe auf den Wunsch des Patienten nach Kohärenz oder: nach umhüllender Bergung; Entspannung spiele hier weniger eine Rolle. Müller-Oerlinghausen legte die Entwicklung beim Krankheitsbild Depression dar: Sie tritt häufig auf, ist schwerwiegend und nimmt im Alter immer mehr zu. Sie sei „nicht nur eine Gemüts-, sondern auch eine Leibkrankheit“.

Dem gegenüber stellte er Studienergebnisse von 2004 zur Slow Stroke-Therapie bei depressiven Patienten. Zudem schilderte er Ergebnisse einer gemeinschaftlichen Sichtung der Weltliteratur zum Zusammenhang Massage und Depression in 2011. Diese hatte überwiegend ein statistisch signifikant besseres Ergebnis der Massagetherapie zutage gefördert. Dabei sei die antidepressive Wirksamkeit ausgeprägter und länger anhaltend als die angstlösende, was den Faktor Entspannung nachrangig macht.

Abschließend hob der Mediziner hervor, wie wichtig die Massagetherapie in der Altenpflege und für Krebskranke sei.

Sabine Baumgart, Physiotherapeutin in Hamburg mit Master of Science, legte dar, wie sich diese Aufgabe in der Praxis gestaltet. Real träfe man auf Patienten mit körperlichen Beschwerden und meist langem Leidensweg. Bei der psychoregulativen Therapie müsse die Rücksprache mit dem Arzt bzw. Hausarzt erfolgen, dennoch sei man klar mit kompetent, eine Depression zu behandeln. Wichtig sei es, Effektparameter wie Druck, Zeit, Richtung und Rhythmus entsprechend zu modifizieren. Gewicht habe zudem, wie lange die Behandlungseinheit dauere und ob es beim gleichen Therapeuten blieb. Baumgart gehörte mit zu Müller-Oerlinghausens Team für die Übersicht der Forschungsliteratur und arbeitet inzwischen an einer eigenen randomisierten und kontrollierten Studie. Sie erläuterte dem Auditorium die immer bessere Studienlage zur Massage, sowohl mit Blick auf Untersuchungen auf emotionaler wie auch auf vegetativer Ebene. Darüber hinaus zitierte sie die eindrucksvolle WHO-Studie von 2007 mit 250.000 Teilnehmern in über 60 Ländern, die aufgezeigt hatte, dass Depression den Organismus stärker belastet als chronische Erkrankungen.

Im Umgang mit dem chronischen Schmerz erläuterte im letzten Teil Peter Rudisch sein Konzept der Graded Activity. Der Physiotherapeut mit Bachelor sowie Fachreferent warb dafür, mehr nach Einstellungen, Ängsten und Erfahrungen zu fragen. So bekomme man die Modulation im Zentralen Nervensystem, die sekundäre Hyperalgesie, besser in den Blick. Das helfe auch, die Warnhinweise für eine Chronifizierung nicht zu übersehen. Das Konzept der Graded Activity wirkt in den Phasen Analyse mit Baseline, um gemeinsam ein Behandlungsziel für den Alltag zu definieren, zweitens die eigentliche Trainingsphase sowie die abschließende Generalisationsphase, um die Leistungsfähigkeit auf weitere Aktivitäten zu übertragen. Dank positiver Botschaften und Erfahrungen lerne das Gehirn, mit dem Schmerzereignis anders umzugehen.

Abschluss: Evidenz untermauert Kompetenz

Den Abschluss bildete Bernhard Reichert, dieses Mal mit einem gehaltvollen Update zu Effekten und klinischer Wirksamkeit der Massagetherapie. Rund 7.400 Fachbeiträge hatte er in den vergangenen zwei Jahren analysiert, bezogen auf die klassische Massagetherapie mit den fünf Griffen. Er beschrieb insbesondere die spezifischen physiologischen Effekte und stellte fest: Der Kraftzuwachs war hoch, die Steifigkeit gesenkt wie auch die begleitende Schwellung und das Gewebe wurde geringer geschädigt, um nur einige klinische Effekte zu nennen. Zudem unterstütze Massage durch die Mechanotransduktion den Selbstheilungsprozess. Reichert unterstrich die gute Grundlagen- und histologische Forschung und führte spannende klinische, histologische und immunologische Entwicklungen sowie in jene in der Stammzelltherapie ins Feld. Einzig mögliche Schlussfolgerung dieses Updates: Der Massagetherapie gehört ein neues Gewicht in der Politik zuerkannt.

151 Zeilen/ 9.008 Zeichen (Zeichen inklusive Leerzeichen) - Abdruck frei

Bildunterschriften (Quelle: Michael Kiefer (VPT), Bettina S. Edelmann):

  1. Geballte Physio-Expertise zur Halswirbelsäule (v.li.n.re.): Bernhard Reichert, Anja Matthjis und Andreas Lieschke, die sich alle auch bei der International Academy of Orthopedic Medicine engagieren.
    (IAOMTrioHWS)
  2. Container unter Druck: Professor Vleeming präsentiert ein Ergebnis seiner Versuchsanordnung. (Vleeming)
  3. Gemeinsam auf der THERAPRO: Dominic Konvalin vom Bezirk Niederbayern und Gerti Voss von der Münchner Geschäftsstelle unterstützen ihre Kollegen vom VPT Baden-Württemberg.
    (StandKonJrVoss)
  4. Treffpunkt für das Fachgespräch: Mit Messe, Kongress und Symposium hat der VPT sein Motto „3fach stark“ erneut erfolgreich realisiert. (Stand3FachStark)


Pressekontakt:

Verband Physikalische Therapie (VPT)
Landesgruppe Bayern
Hans Ortmann, Landes- und stv. Bundesvorsitzender
Rosenkavalierplatz 18 / II, 81925 München
Tel.: 089 – 99 99 74-3, Fax: 089 – 91 04 96 27
www.vpt-bayern.de, info@remove-this.vpt-bayern.de

Verband Physikalische Therapie (VPT)
Landesgruppe Baden-Württemberg
Raymond Binder, Landesgruppenvorsitzender
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Tel.: 0711 – 95 19 10 – 0, Fax: 0711 – 51 90 12
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