Sie befinden sich hier

19.02.2015 11:02

Die Akupunktur Massage nach Radloff als komplementäre Behandlungsmethode in der Physiotherapie – Teil 2

Das Radloff-Konzept ist eine Behandlungsmethode, die die Grundlagen der
chinesischen Medizin (CM) in ein für die Physiotherapie anwendbares Konzept übertragen hat. Dies bedeutet aber nicht, dass der Anwender mit irgend­welchen Einschränkungen bei der Anwendung zu rechnen hat.

Vielmehr ermöglicht das Konzept der APM nach Radloff, die Möglichkeiten der chinesischen Medizin (CM) weitgehend auszuschöpfen und somit auch funktionelle Organstörungen und konstitutionelle Schwach­stellen zu erfassen und damit auch kausal zu behandeln.

Wir hatten schon dargestellt, dass die klassische CM auf verschiedenen Behandlungsebenen operiert, die in drei Bereiche eingeteilt werden können. Für jede dieser Ebenen stehen innerhalb des Radloff-Konzepts spezifische Befund- und Therapiemaßnahmen zur Verfügung.

Die Anwendung in der Physiotherapie

In der Praxis werden wir natürlich haupt­sächlich mit Störungen des Bewegungsapparates konfrontiert. Seit der Entwicklung der Methode vor etwa 40 Jahren weiß man, dass Gelenkblockaden massive Störungen im Energiesystem (kybernetischen Regelkreisen) hervorrufen können. Ein Meridian, welcher über ein in seiner Artikulation gestörtes Gelenk zieht, erfährt hierdurch ebenfalls eine Irritation im Energiefluss.

Diese "Energieflussstörung" wird im Sinne von Fülle- (Yang) oder Leeresymptomen (Yin) definiert. Untersuchungen der betroffenen Meridianabschnitte zeigten, dass auch nachdem die Obstruktion auf der Meridianebene beseitigt worden war, sich diese mit der Zeit wieder aufbaute, wenn die Störung im Gelenk weiterhin bestehen blieb (Abb. 1).

Das bedeutet, dass Obstruktionen im Meridian zwar durch Akupunktur zu beeinflussen sind, sich jedoch, wenn die Gelenkblockade bestehen bleibt, wieder aufbauen können. Aufgrund dieser Erfahrung entwickelte Radloff ein dreidimensionales, biomechanisches Konzept zur Therapie von Blockaden der Wirbel- und Extremitätengelenke, welches in das System der Energiebewegung integriert wurde. Radloff erkannte schon bald, dass die Gelenke in jeder der drei physiologischen Achsen blockieren können und erarbeitete für den Bereich der WS hierzu spezifische Behandlungstechniken.
Hierbei handelt es sich allerdings um keine Manipulationen im Sinne der Chirotherapie, denn es bestehen zwei wichtige Unterschiede.

1. Es werden in jeder Behandlung alle Gelenke überprüft und gegebenenfalls behandelt.

2. Das Ziel der Therapie besteht nicht darin, die Gelenkblockade mit einem Impuls zu ­lösen, sondern das Gelenk bei der Her­stellung seiner physiologischen Bewegung zu unterstützen und somit die biomecha­nische Funktionalität zu verbessern. Prinzipiell kann hierfür theoretisch jede Technik aus dem Bereich der MT zur Anwendung kommen.

Zu 1.
Die Überprüfung der Gelenke erfolgt über die von Radloff entwickelte Ohrreflexzonenkontrolle, mit der neben den Gelenken auch die Meridiane und deren energetisches Verhalten überprüft werden kann. Ist eine Blockade gelöst, so verschwindet augenblicklich die entsprechende Zone am Ohr1. Ein kleiner Versuch kann die Wirkungsweise verdeutlichen. Nehmen wir an, dass die Überprüfung des rechten Lobulus keine Druckempfindlichkeiten anzeigt, wenn wir diesen mit einem Stäbchen abtasten.

1Die Ohrbefunderhebung stellt eine Methode dar, die, ähnlich wie die chinesische Pulsdiagnose, Störungen im Energiesystem des Menschen erkennen kann.

Legt man nun eine Kühlkompresse für etwa 20 Sekunden auf die rechte Gesichtshälfte, so zeigt die wiederholte Überprüfung nun plötzlich Empfindlichkeiten im Bereich des erwähnten Lobulus. Was ist passiert? Die Kühlkompresse hat auf der Gesichtsseite "Energie" verdrängt, wodurch eine energetische Leeresituation entstanden ist. Da uns der Lobulus auf "energetische Leeren" hinweist, entstehen nun an dieser Stelle des Ohrs druckempfindliche Zonen.

Über die Interpretation der verschiedenen Ohrzonen ist es möglich, auf die energetische Lage des entsprechenden Körpergebietes zu schließen. Diese Vorgänge sind reproduzierbar.

Zu 2.
Durch eine gezielte Reizsetzung der Meridiane werden muskuläre Dysbalancen reduziert. Dieser energetische Ausgleich ermöglicht eine gewaltlose Behandlung der verschiedenen Gelenke.

Weitere Ursachen von Energieflussstörungen im Organismus

Da die Herangehensweise innerhalb des Konzeptes der APM, wie schon dargestellt, eine primär energetische ist, fragte man sich schon früh, welche Ursache eigentlich zu den Störungen führt. Entstehen die Blockaden aus sich heraus, oder sind sie die energetische (segmentale) Folge von Organstörungen? Innerhalb des Radloff-Konzepts geht man heute davon aus, dass beide Möglichkeiten in Frage kommen.

Sowohl traumatische Ursachen als auch organische Störungen, können zum Auftreten von Blockaden im WS-Bereich, aber auch in den Extremitätengelenken führen. Entweder werden diese aufgrund andauernder energetischer (organischer) Störungen aufrechterhalten, oder das Gelenk selbst führt immer wieder zu einer Blockade im Meridianverlauf. Im Extremfall treten beide Möglichkeiten gekoppelt auf. Die Störungen der Statik können langfristig beispielsweise auch Skoliosen und Irritationen der cranio-mandibulären Funktion mit all ihren Problemen begünstigen oder erzeugen2.

2Vererbte Störungen gehören hier natürlich ebenfalls dazu.

Rezidivierende Störungen am Bewegungs­apparat haben ihre Ursachen nicht selten in der gestörten vegetativen oder physiologischen Stoffwechselfunktion von Organsystemen. Spätestens seit Head ist bekannt, dass Störungen innerer Organe sich irritierend auf ganze Segmente auswirken können.

So ist es deshalb nicht selten der Fall, dass die Behandlung orthopädischer Symptome die zusätzliche Beachtung funktioneller Organsymptome verlangt. Für den Behandlungserfolg ist es aber nicht nur notwendig, das kausale Organ zu finden, sondern darüber hinaus muss definiert werden in welchem energetischen Zustand sich der Funktionskreis befindet.

Die CM und das Radloff-Konzept unterscheiden energetische Fülle- und Leere-Zustände, die in der Befundaufnahme definiert werden müssen. Nach diesem Befund richtet sich dann die Vorgehensweise in der Behandlung, die sich am System der Wandlungsphasen orientiert. Die Therapie unterscheidet also darin, ob man einem gereizten Organ Qi zuführt oder besser abzieht.

Punktrezepte finden in der APM keine Anwendung, da die Vorgehensweise in der Therapie dem aktuellen individuellen Befund angepasst wird.

Aber selbst in der 2. Schicht der Organe können nicht immer die endgültigen Ursachen definiert werden. In manchen Fällen verbergen sich dahinter wiederum konstitutionelle Faktoren, wie wir sie in der 3. Schicht, der Kernschicht, antreffen, die in manchen Fällen als psychovegetative Syndrome zeigen.

Natürlich können wir diese nicht immer grundlegend behandeln, jedoch hilft das Schichtenmodell der APM, uns hier besser zu orientieren und gegebenenfalls eine Überweisung an Fachpersonal einzuleiten.
Zusammenfassung

Je nach therapeutischer Anforderung arbeitet man sich gemäß dem Radloff-Konzept durch die verschiedenen Schichten.

Man beginnt im strukturellen Bereich der Ebene 1 und geht über die Organstrukturen der Ebene 2 zu konstitutionellen Faktoren der Ebene 3. Somit setzt die APM nach Radloff einen ganzheitlichen Ansatz in die Praxis um. Natürlich wird es uns nicht immer gelingen, alle Störungen zu beseitigen, jedoch haben wir mit dieser Methode viele Möglichkeiten, etwaige Kausalitäten zu finden.

Wer Interesse an der Möglichkeit therapeutischer Arbeit hat und sich in diesem Zusammenhang für die CM interessiert, dem wird mit dem Konzept der APM ein in der Praxis umsetzbares, anspruchsvolles therapeutisches System angeboten, welches nicht nur auf der physiologischen Ebene anwendbar ist, sondern auch im Bereich Psychosomatik tiefe Einblicke verschafft.

Natürlich, das soll hier gleich klargestellt sein, ersetzt dies keine psychologische oder psychotherapeutische Arbeit, jedoch hilft es uns als Behandler, den Patienten in seiner Gesamtheit besser zu erfassen.

Die Gesamtausbildung (Grundausbildung mit Meisterlehrgang) umfasst im Moment 520 Stunden und entspricht somit etwa dem A und B Akupunktur-Diplom der ärztlichen Ausbildung in Deutschland und Österreich. Hierdurch erhält man also eine umfassende Ausbildung, die uns Therapeuten in die Lage versetzt, den Patienten konstruktiv zu begleiten und sich ein wirkungsvolles und umfassendes Therapiekonzept in Anlehnung an die Chinesischen Medizin anzueignen, welches die tägliche Arbeit in der Praxis überaus effektiv ergänzen kann.

Wer sich für die Arbeit in der Praxis ein zweites Standbein aufbauen möchte, erhält hier alle notwendigen Grundlagen für die erfolgreiche Arbeit am Patienten.
Die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Wirkung der Akupunktur und neurophysiologischen Wirkung segmentaler Vorgänge sowie biomechanische Grundlagen können weitgehend auf die APM übertragen werden3.

Da hinter dem System der CM ein umfassendes philosophisches System steht, verspricht die Auseinandersetzung mit dem chinesischen Denken viel "Material" für ein jahrelanges und wie ich meine, befriedigendes Studium.

3 Hierzu gehören folgende Vorgänge, die wenigstens Stichwortartig erwähnt sein sollen:
A: Schmerzebene

- Im Rückenmark werden die Endorphine (Enkephalin und Dynorphin) ausgeschüttet, welche die Schmerz­weiterleitung präsynaptisch - also vor der Schaltstelle zwischen den Nervenfasern - unterdrücken.
- Im Mittelhirn werden die Monoamine Serotonin und Noradrenalin freigesetzt. Sie bewirken eine prä- wie auch eine postsynaptische Hemmung der Schmerz­weiterleitung.
- Im Zwischenhirn (Hypothalamus-Hypophysen-Komplex) werden ebenfalls Endorphine sowie ACTH - eine Vorstufe des Cortisol ausgeschüttet. Das ACTH wird zur Nebennierenrinde transportiert und löst dort wiederum die Ausschüttung von Cortisol aus.
B: Biochemische WirkungIn Tierversuchen und einigen Versuchen am Menschen wird die Bildung von körpereigenen morphinartigen Substanzen (Endorphinen) nachweislich gefördert. Daneben sind viele andere Nerven-Überträger-Substanzen (Serotonin, Oxytocin...) an der Wirkung beteiligt. Weiter sind immunstimulierende Wirkungen, schmerzlindernde und entspannende Wirkungen durch die biochemischen Eigenschaften der Stoffe bekannt. Die Wirkung dieser Stoffe erklärt, warum auch Entzündungen, vegetative Störungen und Allergien (selbst Bronchospasmen bei Asthma) erfolgreich mit Akupunktur behandelt werden können.
C: Segmentale Wirkung
Bekannt ist hier die Gate-Kontroll-Modell, welches als gesichert gelten kann. Auch das Modell der Gegenirritation hat hier seinen Stellenwert. 
Die Wirkung der Akupunktur auf die Organe resultiert auf segmentaler Ebene aus den nervalen Effekten. Diese führen zu einer Regulation der Durchblutungssituation, die meist segmentgebunden ist. Durch die damit verbundene Verbesserung der Stoffwechselsituation kommt es meist zu regenerativen Prozessen in den angeschlossenen Organstrukturen (Viszerotom, Myotom, Sklerotom etc.).
D: Biophotonen
Pops Modell der Biophotonen ist wissenschaftlich ebenfalls schon untersucht. Wenn auch noch nicht offiziell anerkannt, sollte es doch wenigstens als Wirkmodell diskutiert werden.

Kontextspalte