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Süddeutsches Verbände-Symposium 2019

Evidenzbasierte Therapie und interdisziplinäre Zusammenarbeit, politische Diskussion und wertvoller interprofessioneller Austausch

Im Mittelpunkt des Süddeutschen Verbände-Symposiums auf der TheraPro Fachmesse + Kongress in Stuttgart im Januar 2019 standen Vorträge rund um evidenzbasierte Physiotherapie und interdisziplinäre Zusammenarbeit, eine Podiumsdiskussion zu politischen Themen sowie Juristenrat zum neuen Heilmittelkatalog Zahnärzte. Die VPT-Landesgruppen Baden-Württemberg und Bayern hatten das Programm gemeinsam mit dem Landesverband Baden-Württemberg von Physio-Deutschland zusammengestellt.

Lymphödem – konservative und operative Therapie

Prof. Dr. Dr. Rüdiger G. H. Baumeister, Konsiliarius für Lymphologie an der Urologischen Klinik München Planegg, plädierte dafür, konservative und operative Lymphödemtherapie nicht als Gegensätze, sondern als unterschiedliche Therapien zu betrachten. Moderne Medizin strebe maßgeschneiderte Behandlungsmöglichkeiten für Patienten an, bei denen konservative und operative Behandlungsoptionen nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen eingesetzt werden und sich gegenseitig ergänzen sollten. Baumeister erläuterte die Vorteile beider Behandlungsformen und vermittelte Hintergrundwissen zu chirurgischen Optionen – bis hin zur Lymphgefäßtransplantation.

Eine therapeutische Herausforderung stellte Dr. med. Michael Oberlin mit dem „multikausalen Lymphödem“ vor. Der leitende Oberarzt und Facharzt für Innere Medizin, Wundmanagement/Lymphologie der Földiklinik Hinterzarten erläuterte anhand von Patientenbeispielen, wie Co-Morbiditäten (z.B. Adipositas, Alterung des Venensystems, Neuropathie und Einnahme von NSAR, Calciumantagonisten, Insulin) zu einem Anstieg der Lymphlast führen. Insbesondere die adipositasbedingte reduzierte Muskelpumpe verstärke das Lymphödem. Der Referent stellte ein Therapiekonzept vor, das u.a. KPE, Sport/Bewegung, Ernährungsberatung, Vorträge/Informationen, Diagnostik, OP und psychologische Betreuung beinhaltet. Botschaft: Effektive Ödemtherapie/KPE müsse die Multimorbidität in enger Kooperation Arzt/Physiotherapeut/Ergotherapeut/Sozialdienst/Psychologe unter Berücksichtigung der Präferenzen, Werte und Lebensziele des Patienten beachten.

Die „Rolle der Manuellen Lymphdrainage in der 2-Phasentherapie des Lymphödems“ wurde in einer Studie untersucht, die Physiotherapeutin B.Sc., MBA Annette Hartogh vorstellte. In Phase I der KPE steht die Entstauungstherapie im Mittelpunkt (MLD, Hautpflege, Kompressionsverband, Entstauungsgymnastik, Erlernen des Selbstmanagements). Phase II ist die Erhaltungs- und Optimierungsphase – hier wendet der Patient das Selbstmanagement an (Hautpflege, Infektionsprophylaxe, Kompressionsbekleidung/Selbstbandagierung, Entstauungsgymnastik). Die Studie untersuchte, ob Patienten profitieren, wenn sie auch in Phase II Manuelle Lymphdrainage erhalten. Verbesserungen zeigten sich v.a. in Phase I (Umfang und Volumen, ABD, ARO, Lebensqualität). Signifikante Verbesserungen wurden in Phase I in der Lebensqualität erzielt. Geringe Lymphödem-Stadien profitierten stärker von der KPE. Manuelle Lymphdrainage in Phase II führte nicht zu signifikanten Unterschieden. Wichtig sei es, Lymphödeme im Anfangsstadium zu entstauen.

Physiotherapeutin Annette Hartogh stellte Studienergebnisse zur Effektivität von MLD in Phase II vor

Entstauungstherapie in Orthopädie und Chirurgie

„Entstauungstherapie in der Orthopädie und Chirurgie“ – unter diesem Titel stellte Physiotherapeutin Eva-Maria Streicher, Fachlehrerin ML/KPE am Lymphzentrum Großhadern die 2017 veröffentlichte Leitlinie zur Therapie und Diagnostik des Lymphödems vor. Die Literaturrecherche dazu wies für die KPE die höchste Effektivität nach. Die Manuelle Lymphdrainage als Monotherapie ließ sich hingegen nicht bestätigen. Eva-Maria Streicher zeigte anhand von Patientenbeispielen außergewöhnliche Fälle der Lymphödemtherapie auf und stellte u.a. zwei prospektiv randomisierte Studien für die postoperative MLD zur Primärprävention sekundärer Lymphödeme vor.

Physiotherapeutin Eva-Maria Streicher referierte über die Leitlinie zur Therapie und Diagnostik der Lymphödeme

Therapeut-Arzt-Dialog zur Wirbelsäulentherapie

„Optimierte Wirbelsäulentherapie“ – unter diesem Motto erläuterten Physiotherapeut und MT-Fachlehrer Oliver Oswald und Neurochirurg Prof. habil. Dr. med. Frank Duffner im Dialog, warum es bei Patienten mit spezifischen Rückenschmerzen optimal ist, wenn Therapeut und Neurochirurg in allen Phasen der Therapie eng zusammenarbeiten. Bei über 90 Prozent aller Patienten mit Rückenschmerzen bestehe keine Indikation für eine Wirbelsäulen-OP. Vor diesem Hintergrund präsentierten Oswald und Duffner die Chancen konservativer Therapien in der akuten Schmerzphase, stellten Indikationen für eine eventuelle OP vor, vermittelten Behandlungsansätze für die Physiotherapie in der Aufbauphase sowie Tipps für die Stabilisierung des Patienten.

In Form eines unterhaltsamen Dialogs präsentierten Prof. Dr. Frank Duffner und Physiotherapeut Oliver Oswald ihre Ansätze zu einer optimalen Wirbelsäulentherapie

Podiumsdiskussion: Der mündige Patient

Mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „Der mündige Patient“ endete das Vormittagsprogramm des Süddeutschen Verbände-Symposiums. Ein Dialog zwischen Arzt, Therapeut und Krankenkasse war im Programm angekündigt. Jedoch habe sich kein Krankenkassenvertreter zur Teilnahme bereit erklärt, berichtete Raymond Binder (VPT Baden-Württemberg), der die Diskussion leitete. So tauschten sich die Physiotherapeuten Oliver Oswald und Raymond Binder mit den Medizinern Dr. Frank Duffner und Dr. Hans-Dieter Zug, Facharzt für Anästhesie und spezielle Schmerztherapie in Böblingen, aus. „Der mündige Patient ist der bessere“, konstatierte Dr. Hans-Dieter Zug einleitend, denn: „Er kann sein Verhalten auf therapeutische Empfehlung hin ändern und nur das ist nachhaltig.“ Dies scheitere jedoch vielfach an der Patientenbereitschaft, wie Oliver Oswald zu berichten wusste. Seinen Schätzungen zufolge setzen nur rund 20 bis 30% der Patienten um, was sie in der Therapie empfohlen bekommen. „Wir müssen Lehrfunktion übernehmen“, pflichtete ihm Dr. Frank Duffner bei: „Ich mache ca. 90% Gesundheitserziehung und 10% operiere ich. Hier krankt das System, das die Apparatemedizin fördert und die Sprechmedizin zu kurz kommen lässt.“ Auf die Frage, wie ein evidenzbasiertes, strukturiertes Patientenkonzept aussehen könnte, schlug Dr. Zug vor, neue Wege zu gehen, und nannte Beispiele aus seiner Praxis: Schmerzbewältigungskurse für Patienten mit chronischen Schmerzen oder Patientenseminare z.B. für Fibromyalgiepatienten seien so erfolgreich, dass Kursteilnehmer dank der erlernten Strategien zur Schmerzbewältigung sogar Schmerzmittel absetzen könnten. In der breiten Versorgung sei diese Idee aber noch nicht angekommen. Dass hier die Krankenkassen in der Verantwortung stünden, betonte Dr. Frank Duffner. Einige böten bereits Präventionskurse an, aber nicht alle. Dabei sei es viel effizienter, früh etwas zu unternehmen, um Arbeitsunfähigkeit vorzubeugen. Dafür brauche es evaluierbare Behandlungskonzepte und standardisierte Fragebögen, damit der Patient sehe, dass sich objektiv messbar etwas verbessert. „Das muss natürlich auch bezahlt werden“, so Duffner an die Adresse der Kassen. Was können die Krankenkassen tun, um die Selbstverantwortung des „mündigen Patienten“ zu stärken, fragte Raymond Binder abschließend. Duffner forderte den Einstieg in die Frühprävention und die Entstehung multimodaler und multiprofessioneller Therapiekonzepte, bei denen Ärzte, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten und Ernährungsspezialisten zusammenarbeiten: „Es muss möglich sein, gemeinsam Konzepte auszuarbeiten. Denn es geht nicht nur um Schmerzreduktion, sondern um Lebensqualität.“ Oliver Oswald sprach sich dafür aus, die Stellung der Physiotherapeuten in der Prävention zu stärken: „Wir brauchen keine Kassen-Fitnessstudios'! Physiotherapeuten sind für die Prävention sehr gut aufgestellt.“ Dr. Hans-Dieter Zug wünschte sich „eine Medizin, in der der Mensch mit seiner Lebensqualität im Vordergrund steht – die Kassen sollen die Qualität anders honorieren als die Quantität.“

Ein neues Format: Podiumsdiskussion mit Raymond Binder, Prof. Dr. Frank Duffner, Oliver Oswald und Dr. Hans-Dieter Zug

Das Kiefergelenk interdisziplinär behandelt

Nach der Mittagspause stellte Physiotherapeut OMT, M.Sc. Rainer Schwarz das Dento-Myo-Arthropatie-Konzept vor. Anhand eines klinischen Fallbeispiels erläuterte er das physiotherapeutische Vorgehen bei Patienten mit Schmerzen und Funktionsstörungen von Kiefergelenken und Kaumuskeln – von der Befunderhebung über die Therapie bis zur Wiederherstellung der Funktion. Mit anschaulichen Bildern und Videos vermittelte er, wie Kiefergelenkfehlfunktionen und Veränderungen an Zahnsubstanz bzw. Kaumuskulatur, die auf eine Erkrankung des Kauapparats hinweisen, erkannt und behandelt werden können. Im vorgestellten Therapiekonzept übernimmt der Zahnarzt die dentogene Therapie, die myogene Therapie übernehmen Physiotherapeut und Zahnarzt (ggf. mit Kieferorthopäde) und die arthrogene Therapie wird ebenfalls von Physiotherapeut und Zahnarzt (ggf. plus Kieferorthopäde und Kieferchirurg) geleistet.

Physiotherapeut Rainer Schwarz erläuterte anhand eines klinischen Beispiels das physiotherapeutische Vorgehen bei Kiefergelenk- und Kaumuskelfunktionsstörungen

Abrechnungsfragen und Expertenantworten

Abschließend beantwortete Roland Hein, Verbandsjustiziar von Physio-Deutschland, häufig gestellte Fragen zum Umgang mit dem neuen Heilmittelkatalog für Zahnärzte. Anja Stamm

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